Pedro Almodóvar: Ecos alemanesecos internacionales

Humboldt-Univ. zu Berlin

 

 

Darstellung der wissenschaftlichen Zielsetzung

 

 

Galt der spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar bis ans Ende der 1990er Jahre als der schrille, oft subversive Repräsentant eines antibürgerlichen Aufbruchs in der spanischen Gesellschaft, so wandelte er sich seit seiner zunehmend starken internationalen Vermarktung, seit seiner steten Präsenz in Hollywood und besonders seit der Verleihung des höchsten spanischen Kulturpreises, des Premio Principe de Asturias (2006), zum bedeutendsten kulturellen Exportschlager der iberischen Halbinsel. Sein umfangreiches filmisches Schaffen (von 16 Spielfilmen innerhalb von 26 Jahren, neben vereinzelten Essays, Features und Kommentaren) stellt das komplexeste kohärente Repertoire gegenwärtiger iberischer Kulturproduktion dar.

 

Einerseits betrachtet man seine frühen Filme (von Luci, Pepi, Bom y otras chicas del montón [1980] bis Mujeres al borde de un ataque de nervios [1987]) in Spanien mit Recht als kardinales Zeugnis des zerfallenden Spätfrankismus und der Epoche des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie – damit als Ausdruck eines historischen Bewusstseins, das sich in der postdiktatorialen Kulturlandschaft allererst neu finden musste –, andererseits liefern seine späteren Werke (Tacones lejanos, Kika, Carne trémula, Todo sobre mi madre, Hable con ella, La mala educación, Volver) eine zunehmend kritische Kommentierung der europäisierten und amerikanisierten (teil-‚globalisierten’) Gegenwart des ‚modernen’ (oder – in der Interpretation von Kathleen Vernon – ‚postmodernen’) Spanien (etwa der Medienwelt in Kika [1993]).

 

Im Zuge der Entwicklung seines filmischen Werks sind neben den bahnbrechenden Erneuerungen der Filmsprache, der kunstvollen Ästhetik von camp und Kitsch (Matador) und des ludischen Verzeichnens von Gender-Grenzen (La ley del deseo, Todo sobre mi madre, La mala educación), zunehmend die Redefinitionen lokaler und nationaler Werte – auch ethischer Konzeptionen (Hable con ella) – zentral geworden. Deren Erforschung und Einordnung ist erst in Ansätzen geleistet, und die Rezeption auf der Leinwand, im Feuilleton und in der universitären Forschung zeigt signifikante Unterschiede in der Begründung und Bewertung dieser Redefinitionen. Einmal bestehen Differenzen zwischen Spanien, wo Almodóvar lange als Domäne einer kleinen Insider-Gruppe galt, und dem Rest der Welt, ferner Differenzen zwischen einzelnen geographischen Feldern, etwa zwischen Zentraleuropa und dem (von anderen Konzepten der cultural studies bestimmten) angelsächsischen Raum.

 

Der Blick auf die internatioale Forschung belegt in Spanien selbst ein stark gestiegenes Interesse an Almodóvar, das sich (außer in jüngeren Publikationen) z.B. darin niederschlägt, dass an der Universität Carlos III in Madrid (in Kooperation mit Almodóvars Produktionsfirma „El Deseo“) ein neues, wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Dokumentationszentrum aufgebaut wird; (die dortige Equipe unter der Leitung des Lehrstuhlinhabers für audiovisuelle Kommunikation, Manuel Palacio, wird auf dem Berliner Symposium vertreten sein).

 

Einen Schwerpunkt der Hispanistik bildet Almodóvars Filmwerk vor allem im angelsächsischen Bereich. In Großbritannien haben Wissenschaftler wie Paul J. Smith (Cambridge), Peter Evans (King’s College London) oder Christopher Perriam (Manchester University) zentrale Untersuchungen, z.T. in Form von Monographien, z.T. in längeren Aufsätzen, vorgelegt; (Paul J. Smith hat seine Teilnahme an der Berliner Veranstaltung zugesagt, ebenso der innerhalb der – durchaus intensiven – französischen Forschung [neben Frédéric Strauss] profilierteste Almodóvar-Spezialist, Jean Claude Seguin, Université de Lyon II). Aus der im letzten Jahrzehnt deutlich erstarkten Hispanistik der USA seien Bradley Epps (Harvard) und Kathleen Vernon (State Univ of New York) erwähnt ( – K. Vernon hat ihre Teilnahme zugesagt).

 

Im Vergleich zu diesem internationalen Echo hat der spanische Regisseur nicht nur in den deutschen Kinos, sondern auch in der kulturwissenschaftlichen Hispanistik unseres Landes eine eher stiefmütterliche Behandlung erfahren. Zwar wird seine bahnbrechende Rolle für die spanische transición (die Übergangsperiode von der Diktatur zur Demokratie) sowie für die Prägung einer auch international wirkenden innovativen Ästhetik immer wieder betont (etwa in den frühen Untersuchungen von Neuschäfer oder Link-Heer), doch sind in Deutschland lediglich zwei ausgezeichneten Dissertationen entstanden (Bernhard Chappuzeau [von Vittoria Borsò und dem Antragsteller betreut und mit ‚summa cum laude’ bewertet] und Isabel Maurer Queipo [in Siegen bei Volker Roloff eingereicht]; beide haben ihre Teilnahme zugesagt). Daneben liegen keine umfassenden wissenschaftlichen Monographien vor, (allerdings kritische, aber nicht hispanistisch ausgerichtete Synopsen in den einschlägigen Handbüchern).

 

Das Symposium unter dem Titel „Almodóvar: Ecos alemanes - ecos internacionales“ hat eine doppelte Zielsetzung: es soll a) die Almodóvar-Forschung in Deutschland koordinieren, den Stand dokumentieren und neue Perspektiven für weitere Beschäftigungen entwickeln (insb. bzgl. der Fragen von Filmästhetik und –sprache, Rezeption und medialen Bezügen in internationalen Dimensionen), und es soll b) diese Arbeitslinien in Bezug setzen zur internationalen Spitzenforschung und die auf diesem Gebiet in Deutschland Forschenden vernetzen mit den bedeutendsten internationalen Spezialisten und ihren Ansätzen.

Zu diesem Zweck werden drei thematische Komplexe im Zentrum des Symposiums stehen, die in den Vorträgen angerissen werden: a) Almodóvar und seine Rezeption innerhalb und außerhalb Spaniens, b) innovative Blicke auf die Spezifika der Almodóvar’schen Ästhetik und Film-‚sprache’, c) Neufokussierung von Einzelwerken. Besondere Bedeutung kommt dabei neben den in Form von Initiativreferaten konzipierten Vorträgen der Diskussion derselben und dem Austausch von Ergebnissen sowie der Projektierung konkreter neuer Kooperationen zu. Dazu sieht das Programm nach den Initiativreferaten spezielle gebündelte, mindestens einstündige Diskussionsblöcke („debate“) vor (s. Programm).